„Der Klimawandel läuft“

Hans-Otto Pörtner, Meeresbiologe und Klimaforscher

Interview mit dem Meeresforscher Hans-Otto Pörtner

Hans-Otto Pörtner ist einer der renommiertesten deutschen Meeresbiologen und Klimaforscher. Seit 2005 arbeitet er am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, in Bremerhaven. Dort erforscht er unter anderem die Auswirkungen des Klimawandels auf die marinen Ökosysteme und einzelne Organismen. Auch mit der Rekonstruktion von Klimaveränderungen in früheren Epochen der Erdgeschichte beschäftigt er sich.2015 wurde Pörtner zusammen mit Debra Roberts aus Südafrika zum Vorsitzenden der Arbeitsgruppe II beim Weltklimarat (IPCC) gewählt. Diese Arbeitsgruppe befasst sich mit den Risiken und Folgen des Klimawandels sowie mit Möglichkeiten zur Anpassung an den Klimawandel. Die Arbeitsgruppe wird den entsprechenden Abschnitt im nächsten Weltklimabericht erstellen, der bis zum Jahr 2022 erscheinen soll.

Meeresforschung ist ja ein weites Feld mit vielen verschiedenen Disziplinen – Biologie, Geowissenschaften, Chemie, Physik - wie wichtig ist das Thema Klimawandel in der Meeresforschung?
Das Thema hat einen sehr hohen Stellenwert, weil sich letztendlich das gesamte Funktionsgefüge der Ozeane unter dem Klimawandel verändert: Wir haben Veränderungen in den Ozeanströmungen, in der Temperatur, im CO2-Gehalt und im Sauerstoff-Gehalt; an den Stellen, an denen die Ozeane mit Eisflächen in Berührung sind, sinkt der Salzgehalt und wir haben eine Aussüßung; vor allem in den Sommermonaten verschwindet die Meereisdecke in der Arktis. Um wieder eine Situation zu erreichen, die vom Menschen unbeeinflusst ist, müssen wir zwei Jahrhunderte, also vor den Beginn der Industrialisierung, zurückgehen.

In der Öffentlichkeit werden die Ozeane vor allem mit Blick auf den Meeresspiegelanstieg wahrgenommen. Sind die Veränderungen, die Sie gerade genannt haben, in der allgemeinen Wahrnehmung bislang unterschätzt worden?
Das ist sicherlich so. Unterschätzt wird zumeinen die Bedeutung der Ozeane für die Klimaregulation.Ohne die großen Wasserflächenhätten wir sehr viel extremere Ausschläge beiden Klimaveränderungen. Die Ozeane puffernsehr viel ab, sie verzögern den Klimawandel. Diezusätzlich aufgenommene Wärme ist bislang zu93 Prozent in die Ozeane gegangen. Die Ozeaneverlangsamen auch den CO2-Anstieg in derAtmosphäre, sie haben bislang schon ein Vierteldes menschengemachten CO2 aufgenommen –um den Preis der Ozeanversauerung.

Diese Details werden in der Öffentlichkeit noch viel zu wenig gesehen. Aber auch beim Meeresspiegel zeigen die jüngeren Ergebnisse, dass da eine Dimension denkbar ist, die wir uns bisher noch nicht vorgestellt haben. Wir sprechen bisher vom Meeresspiegelanstieg zwischen 40 und 70 Zentimeter bis zum Ende des Jahrhunderts. Aber wenn wir erdgeschichtliche Perioden betrachten, die vergleichbare Temperaturen oder CO2-Konzentrationen hatten, dann sehen wir, dass die Erde auch höhere Meeresspiegel realisieren kann. Die Eismengen, die noch auf den Kontinenten dieses Planeten lagern, reichen aus, um einen Meeresspiegelanstieg von über 60 Metern zu ermöglichen.

Sie können sich vorstellen, dass das für die menschliche Zivilisation, die sich überwiegend in Küstennähe angesiedelt hat, nicht wünschenswert ist. Wir müssen heute Entscheidungen darüber treffen, welches Ausmaß die Probleme für zukünftige Generationen haben werden.

„Wir werden, je nachdem, welche globale Temperaturentwicklung wir erreichen, die Korallenriffe großflächig verlieren.“

Können Sie ein Beispiel nennen, wo die Folgen dieser Veränderungen jetzt schon sichtbar sind?
Ein wichtiges Ökosystem, das vom Klimawandel massiv beeinträchtigt ist, ist das der Warmwasserkorallenriffe. Wir haben dort einen zentralen Prozess, der unter Erwärmung stattfindet: das ist die Korallenbleiche. In den Korallen leben symbiontische Algen, die Sonnenlicht einfangen und die Korallen mit organischem Material, also mit Energie versorgen. Diese Algen werden von ihrem Wirt abgestoßen, wenn das Wasser wärmer wird. Das passiert in immer größeren Zeiträumen und immer großflächiger. Das Great Barrier Reef vor Australien hat durch diesen Effekt und durch andere menschliche Einflüsse bereits 50 Prozent seiner lebenden Korallen verloren. Gerade in letzter Zeit hat es durch den El Niño-Effekt¹ noch einmal einen größeren Schub gegeben. Kurzfristig können sich die Korallen von solchen Bleichen erholen, aber langfristig sterben sie ab.

Welche Bedeutung haben die Korallen im gesamten System des Ozeans?
Die Warmwasserkorallen finden wir zwischen 30° nördlicher Breite und 30° südlicher Breite, dort, wo die Sonneneinstrahlung besonders hoch und das Wasser besonders klar ist. Korallen sind so genannte Ökosystem-Ingenieure – die bauen ein ganzes Ökosystem. Und in diesen Riffen findet sich eine Vielfalt an Lebewesen, vergleichbar mit der Vielfalt der tropischen Regenwälder, an deren Schicksal wir ja auch kräftig arbeiten.

Wir werden, je nachdem, welche globale Temperaturentwicklung wir erreichen, die Korallenriffe großflächig verlieren. Wenn wir das ehrgeizige 1,5-Grad-Ziel² erreichen, das Paris sich Ende letzten Jahres gesetzt hat, würden wir trotzdem 90 Prozent der Warmwasserkorallenriffe gefährden. Diese Systeme werden nicht komplett aussterben, aber sie werden da, wo sie verschwinden, auch ihre Dienstleistungen für den Menschen einstellen. Der Mensch ernährt sich von den Fischen, die mit diesen Riffen assoziiert sind. Die Riffe haben auch oft eine Schutzfunktion vor Stürmen und Wellen. Nicht zuletzt haben diese Riffe auch eine wichtige Funktion im Tourismus, was gerade in den Entwicklungsländern eine große Rolle spielt.

J. Hutsch (CC BY-SA 3.0)
Bruno di Giusti (CC BY-SA 2.5)

Gesunde Korallen (links) bilden das Zentrum ganzer Ökosysteme. Bei zu hohen Wassertemperaturen stoßen sie die Algen ab, mit denen sie in einer Symbiose leben. Es kommt zur so genannten Korallenbleiche (rechts) und zum Absterben der Korallen.

„Wir sehen den Beginn eines weiteren Massensterbens.“

Sie haben eine ganze Reihe von Veränderungen genannt, die unmittelbare oder mittelbare Folge des vom Menschen verursachten Klimawandels sind. Wie gut verstehen Sie denn heute das gesamte System Ozean, um präzise Vorhersagen zu machen?
Die Sicherheit der Prognosen unterscheidet sich hinsichtlich der einzelnen Phänomene. Eine sehr sichere Prognose haben wir im Bereich der Ozeanversauerung, weil die Versauerung direkt davon abhängt, wie viel CO2 wir in der Atmosphäre anreichern. Bisher sind wir auf einer Linie, die einer ungebremsten CO2-Zunahme entspricht – und da kann man berechnen, wie sich der Säuregrad im Ozean verändern wird.

Etwas unsicherer – aber auch noch relativ prägnant – ist die Prognose darüber, welche Auswirkungen dieses CO2 auf die einzelnen Organismen hat. Da sehen wir unterschiedliche Empfindlichkeiten. Kalkbildner – Muscheln, Schnecken und auch wieder die Korallen – sind besonders betroffen, auch Seeigel und Seesterne. Das sind Organismen, die für die Nahrungsketten eine wichtige Funktion haben und auch vom Menschen an den Küsten durch Fischerei genutzt werden.

Wenn es um den Bereich des abschmelzenden Meereises in der Arktis geht, dann gibt es da sicher auch Ungewissheiten, aber wir haben beispielsweise eine recht zuverlässige Prognose, dass wir in den Sommermonaten irgendwann eine eisfreie Arktis haben werden, wenn wir über das 1,5-Grad-Ziel deutlich hinausgehen werden. Dieses System wird dann verschwinden – und das wiederum hat Rückkopplungseffekte in das globale Klimasystem: Wenn der arktische Ozean mit Eis bedeckt ist, dann ist die Wärmeaufnahme sehr viel geringer, als wenn er eisfrei ist.

Kurz gesagt: Es gibt unterschiedliche Unsicherheiten, je nachdem, welches Phänomen man sich ansieht. Was man mit Sicherheit sagen kann, ist, dass der Mensch gut beraten ist, nicht zu warten, bis die Unsicherheiten verschwinden. Er wäre gut beraten, Entscheidungen zu fällen, die Vorsorge treffen, damit die prognostizierten Extreme nicht eintreffen. Der Klimawandel läuft – wir sehen Auswirkungen auf allen Kontinenten und in allen Weltmeeren. Ich denke, auch wenn die Prognosen eine gewisse Schwankungsbreite haben, sind sie doch sicher genug, um zu einem konsequenten Handeln anzuregen.

Wie weit kann sich die Natur im Bereich der Ozeane an solche deutlichen Veränderungen anpassen – oder führen veränderte Lebensbedingungen zwingend zum Aussterben der betreffenden Arten?
Die Veränderungen der Nahrungsketten werden auch dazu führen, dass Arten verloren gehen. Das ist ein ganz typisches Phänomen, das wir auch in allen erdgeschichtlichen Krisensituationen, die oft von einem Klimawandel ausgelöst wurden, beobachten können. Hier ist es schon durchaus berechtigt, den jetzigen Klimawandel, der ja erst am Anfang steht, als den Beginn eines weiteren Massensterbens der Erdgeschichte zu sehen – auch wenn wir das Ausmaß noch nicht erreicht haben und es noch in der Hand haben, ob wir dieses Ausmaß wirklich erreichen werden.

Man muss sehen, dass die gesamte Biosphäre durch den Klimawandel umgewälzt wird. Das betrifft die Ozeane, aber natürlich auch die Ökosysteme an Land. Organismen wandern aus ihren angestammten Lebensräumen ab, weil die Temperaturen dort nicht mehr tolerierbar sind. Sie folgen ihren bevorzugten Temperaturbereichen – und die verlagern sich im Schnitt polwärts. Dadurch kommt es zu einer Durchmischung von Ökosystemen. All diese Umwälzungen führen zu einem massiven Druck auf die Fitness einzelner Arten, die dabei letztendlich unter die Räder kommen können.

Insgesamt sind das Umwälzungen, die zum Beispiel auch das Einrichten von Meeresschutzzonen, was im Augenblick intensiv diskutiert wird, in einem anderen Licht erscheinen lassen. Diese Schutzzonen funktionieren ähnlich wie Naturschutzpark und es ist wichtig, diese Schutzgebiete, einzurichten – da möchte ich nicht falsch verstanden werden – aber es kann durchaus passieren, dass geschützte Arten aus diesen Bereichen auswandern, weil sie es dort temperaturmäßig nicht mehr aushalten.

„Die Umstellung von alten auf neue Technologien, die keine fossile Energie einsetzen, ist essenziell.“

Sind das die Probleme, die Sie auch in Ihrer Tätigkeit als Ko-Vorsitzender einer Arbeitsgruppe für den nächsten IPCC-Bericht beschäftigen?
Das ist so. Wir werden im Rahmen des nächsten Weltklimaberichtes auch einen Sonderbericht zu den Ozeanen und zur Kryosphäre³ erstellen. Wir werden uns dabei auch anschauen, wie sich diese Bereiche bei unterschiedlichen Szenarien verändern werden – in der Annahme, dass der Mensch jetzt wirklich entschlossen beginnt, seinen Einfluss auf das Weltklima zurückzuführen und bestimmte Klimaziele zu erreichen versucht. So wurde das ja 2015 in Paris diskutiert, wo gesagt wurde, wir wollen deutlich unter zwei Grad, möglichst auch unter 1,5 Grad bleiben.

Die Motivation liegt darin, dass wir sehen, was bei noch stärkerem Klimawandel passiert und welche Auswirkungen wir vermeiden können, wenn wir erfolgreich Klimapolitik machen. Diese Fragestellungen werden im nächsten Weltklimabericht eine große Rolle spielen.

Sind Sie seit der Weltklimakonferenz in Paris 2015 optimistischer geworden, dass ein Umschwung bei der weltweiten  CO2-Emission gelingen kann?Bislang hat man ja den Eindruck, dass trotz lokaler Erfolge eine wirkliche Wende noch nicht gelungen ist.
Diese Beobachtung würde ich unterstreichen. Auf jeden Fall war Paris ein Paukenschlag, weil sich die Welt auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse darauf geeinigt hat, ein Klimaziel anzusteuern. Und nun wird es darum gehen, die Denkstrukturen in den Gesellschaften und die Investitionsflüsse zu verändern. Man muss sich vorstellen, dass die Menschheit die fossilen Energieträger noch immer drei- bis viermal so stark subventioniert wie die erneuerbaren Energieträger. Wie sollen die erneuerbaren Energieträger sich da durchsetzen?

Die Umstellung von alten auf neue Technologien, die keine fossile Energie einsetzen, ist essenziell. Es gibt eine große Trägheit in der Umsetzung, aber es gibt jetzt nach Paris auch in vielen Regierungen ein intensives Bemühen, wie man hier vorankommen kann. Denken Sie an anstehende Entscheidungen in den Niederlanden und Norwegen, Autos mit Verbrennungsmotoren in den nächsten Jahren komplett von der Neuzulassung auszuschließen. Da kann man sagen, das ist eine Entscheidung in die richtige Richtung – die kann natürlich leichter in Ländern getroffen werden, die keine Autoindustrie haben und in denen die Autoindustrie nicht durch ihre Lobbyarbeit auf alten Rezepten beharrt.

Insofern gibt es Bewegung. Es wird einen intensiven Interessensausgleich zwischen Entwicklungsländern und Industrieländern geben müssen. Der Infrastrukturaufbau in den Entwicklungsländern muss mit erneuerbaren Energien erfolgen. Es kann ja nicht sein, dass dort noch riesige Kohlekraftwerke gebaut werden – die würden jeden Klimaschutz in den Industrieländern ad absurdum führen.

Eine Frage zum Schluss, die in eine andere Richtung geht: Im Zuge des Klimawandels wird Natur zunehmend auch als Bedrohung wahrgenommen. Glauben Sie, dass die Menschen in dieser Situation verlernen, die Natur in ihrer Vielfalt und Schönheit wahrzunehmen?
Man könnte es so sehen: Wir haben ein Risiko, das sich abzeichnet und größer wird. Und wir haben die Möglichkeit, dagegen anzusteuern. Es bringt ja nichts, die Hände in den Schoß zu legen. Man sollte die Risiken als Motivation betrachten, um dagegen etwas zu unternehmen. Die Schönheit der Natur bleibt uns umso mehr erhalten, je mehr wir in der Lage sind, diese Risiken zu reduzieren, und umso mehr wir uns bewusst machen, was wir dort letztendlich riskieren und wie sehr wir die Grundlagen menschlichen Lebens gefährden, wenn wir den Klimawandel ungebremst weiterlaufen lassen.

Wir haben es in der Hand – auch wenn der einzelne vielleicht das Gefühl hat, er sei ohnmächtig. Jeder kann durch Mitarbeit in Organisationen, in Vereinen oder in der Politik dazu beitragen, dass der Wandel, der kommen muss, schneller erfolgt und damit für die Menschheit letztendlich auch eine bessere Welt gebaut wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Anmerkungen

¹  El Niño-Effekt: Beschreibt ein wiederkehrendes Klimaphänomen im Pazifischen Ozean. Die Abschwächung der Passatwinde führt zu einer Veränderung der Meeresströmung zwischen Mittelamerika und Südostasien. Die Temperaturverhältnisse im Ozean verändern sich drastisch und bringen extreme Wetterlagen mit sich. Der Name El Niño (spanisch für „der Junge“, gemeint ist das Christkind) stammt von peruanischen Fischern und hat damit zu tun, dass das natürliche Phänomen zur Weihnachtszeit auftritt.

²  1,5-Grad-Ziel: Bei der Weltklimakonferenz im Dezember 2015 wurde ein Abkommen unterzeichnet, das die Begrenzung der globalen Erwärmung auf deutlich unter 2 °C, möglichst 1,5 °C im Vergleich zu vorindustriellen Levels vorsieht (vgl. Arbeitsmaterial D 5).

³ Kryosphäre: Sammelbezeichnung für das Eisvorkommen auf der Erde. Die Kryosphäre umfasst sowohl das Meereis als auch das Inlandeis und Gebirgsgletscher sowie die Permafrostböden.

Aufgaben

  • Nennen Sie fünf Auswirkungen des Klimawandels auf die Ozeane.
  • Erklären Sie, inwiefern die Ozeane den Klimawandel „abpuffern“.
  • Erläutern Sie, inwiefern es wichtig ist, nicht nur einzelne Phänomene des Klimawandels zu betrachten, sondern das gesamte Ozeansystem in den Blick zu nehmen.
  • Diskutieren Sie, welche Schlussfolgerungen aus den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen im politischen Bereich gezogen werden sollten.