Einführung zu den Unterrichtsmaterialien zum Film THULETUVALU

Arbeitsmaterial F 1 dient der Vorbereitung auf den Film. Die Schülerinnen und Schüler formulieren Erwartungen auf der Basis grundlegender Informationen. Dabei lenken die Aufgabenstellungen die Aufmerksamkeit auf die Erzählidee des Films und mögliche Konsequenzen für die filmische Dramaturgie, z.B. Herausheben von Kontrasten und Ähnlichkeiten. Denkbar (aber im Film nicht eingesetzt) wäre die Arbeit mit Split Screens oder  eine direkte Kommunikation zwischen Akteuren beider Orte über Skype o.ä.

Matthias von Guntens Film ist geprägt von einer originellen filmischen Idee. In Arbeitsmaterial  F 2 erhalten die Schülerinnen und Schüler Informationen über den Filmemacher und einen weiteren Dokumentarfilm, der eine sehr grundlegende Ausgangsfrage stellt: Woher kommt eigentlich der Mensch? Die wenigen Zeilen verraten, dass von Gunten existenzielle Fragen schätzt und versucht, mit den Mitteln des Films darauf ganz eigene Antworten zu geben. Dieser forschende und zugleich subjektive Ansatz liegt auch THULETUVALU zugrunde.

   Ziele eines Dokumentarfilms: Ohne allzu sehr zu verallgemeinern, lässt sich sagen, dass
   Dokumentarfilme nicht – wie man vielleicht meinen könnte – vor allem neutral „dokumentieren“
   wollen. Sie stellen zwar Menschen und Gegenstände meist unkommentiert in den Raum, haben
   aber im Kern oft auch einen appellativen Charakter: Sie wollen auf Menschen oder ein Thema
   aufmerksam machen, wollen Sympathien wecken oder die Dringlichkeit von Problemen
   verdeutlichen.

Die Hintergrundinformationen zu den beiden Schauplätzen (Arbeitsmaterial F 3) sind nicht unbedingt erforderlich, um den Film THULETUVALU verstehen und einordnen zu können. Sie eignen sich vor allem, um auf das möglicherweise angeregte Interesse an den beiden exotischen Orten mit einem Informationsangebot antworten zu können.

Der Auswertungsbogen (Arbeitsmaterial F 4) dient dem Festhalten spontaner Eindrücke und Erinnerungen an einzelne filmische Momente. Werden diese unmittelbar nach der Filmbetrachtung notiert, entsteht eine Grundlage für die weitere Auseinandersetzung mit dem Film.

Die beiden Schauplätze des Films sind äußerlich von Gegensätzen geprägt, die Lebensweise der Menschen weist aber viele Parallelen auf – um dazu einen systematischen Überblick zu bekommen, kann Arbeitsmaterial F 5 eingesetzt werden. Im Bereich der Zukunftsperspektiven zeigen sich größere Unterschiede: Tuvalu ist vom Klimawandel existenzieller getroffen, eine Anpassung an die Folgen des Klimawandels langfristig kaum möglich.

 

 

 


Insbesondere die Zukunft der Menschen aus Tuvalu führt zwangsläufig zur Frage nach der politischen Situation und nach Verantwortlichkeiten. Diese Thematik wird in Arbeitsmaterial F 6 vertieft. Der Text der Politologin Kira Vinke geht auf den Umstand ein, dass diejenigen, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind, oft zu Bevölkerungsgruppen gehören, die über wenige Ressourcen und Fähigkeiten verfügen, sich eine alternative Existenz aufzubauen. Der Text erweitert die Perspektive und geht vor allem auf das Land Bangladesch ein, das besonders schwer von den Folgen des Klimawandels getroffen ist. Viele der Aussagen gelten auch für die Menschen aus Tuvalu.

   Umweltveränderungen als Fluchtursache: Überflutung und damit einhergehend Zerstörung von
   Siedlungen, Äckern und Infrastruktur, Häufung extremer Wetterereignisse wie Dürren oder
   Stürme; oft sind Umweltveränderungen nicht alleiniger Auslöser von Migration, sondern in
   Verbindung mit politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Problemen.

   Gerechtigkeitsprobleme: In den Breiten, in denen die Folgen des Klimawandels am stärksten
   ausgeprägt sind, liegen viele Länder, die nicht zu den Hauptverursachern zählen. Aber auch
   innerhalb einzelner Staaten und Gesellschaften gibt es eine ungerechte Lastenverteilung: Ärmere
   Bevölkerungskreise siedeln oft an Orten, die besonders stark durch extreme Unwetter,
   Überschwemmungen, Erdrutsche usw. gefährdet sind. Oft sind diese Menschen in besonderer
   Weise von Landwirtschaft und Fischerei abhängig, ein weiterer Risikofaktor mit Blick auf die Folgen
   des Klimawandels.

   Menschen, die aus Tuvalu auswandern wollen: Nach dem geltendem Recht sind sie keine
   Flüchtlinge, weil die Fluchtgründe (Verfolgung) in Tuvalu nicht vorliegen. 

   Staat mit korrupter Regierung: Die Handlungsmöglichkeiten sind stark eingeschränkt, weil
   internationale Hilfe an Regierungsstellen vorbei einen Eingriff in die Hoheitsrechte des jeweiligen
   Staates darstellen. Oft kann effiziente Hilfe nur über nichtstaatliche Organisationen geleistet
   werden. Oder es werden Kooperationsformen vereinbart, bei denen Geldflüsse von außen
   kontrolliert und Hilfsleistungen in gemeinsamer Verantwortung abgewickelt werden.

   Informationen im Kartenausschnitt: Der südliche Teil Bangladeschs ist Mündungsgebiet großer
   Flüsse und sehr flach. Die Grafik zeigt, dass ein etwa 100 Kilometer breiter Streifen Land bei einem
   Meeresspiegelanstieg um einen Meter stark gefährdet ist. Die Versalzung des Bodens hat sich im
   Laufe von dreißig Jahren bis zu 50 Kilometer weit ins Innere ausgebreitet, vor allem im Südwesten
   des Landes.

Ein Aspekt, der für die Wahrnehmung des Films THULETUVALU vermutlich eine große Rolle spielt, wird in Arbeitsmaterial F 7 aufgegriffen: Die außergewöhnlichen Landschaftsräume, die Präsenz der Natur. Die Natur sorgt für eine emotionale Unterlegung des Geschehens, weil sie bei vielen Zuschauern/innen mehr oder weniger bewusst Sehnsüchte und Ängste weckt. Die Kargheit des nördlichen Grönland, die Kälte und Abgeschiedenheit stehen in einem sonderbaren Kontrast zu den Bildern von Tuvalu, das auf den ersten Blick in Erscheinung tritt wie das Klischee eines Inselparadieses.

Um die Schüler/innen dafür zu sensibilisieren, dass mit „Natur“ verschiedenste, kulturell und politisch geprägte Vorstellungen verknüpft sein können, werden sie zunächst aufgefordert, eigene Vorstellungen von Natur zu formulieren und zu ordnen. Zudem werden sie mit drei markanten Beispielen konfrontiert, die jeweils eigene Naturideale einschließen:

   Ein Reisekatalog verspricht ein hochwertiges Naturerlebnis auf einer Südseeinsel und appelliert
   damit an die Sehnsucht nach Einsamkeit, Exotik, Ursprünglichkeit. Der Hinweis auf den hohen
   Preis verweist darauf, dass Naturerlebnisse im Kontext einer erlebnisorientierten Gesellschaft Teil
   von Geschäftsprozessen geworden sind; zudem kann hier auch auf die Widersprüchlichkeit
   zwischen vermeintlicher Naturnähe und den hohen Umweltkosten der Anreise hingewiesen
   werden.

   Der Abenteurer steht für eine andere Art von Ideal, das oft mit Natur verbunden wird: die
   Eroberung abgeschiedener und menschenfeindlicher Orte, Kampf mit den Naturgewalten,
   körperliche Extremerfahrung. Die klischeehafte Formulierung von den „letzten Abenteuern“ mag
   auch Zweifel an dieser Art von Naturerlebnis aufkommen lassen: Es handelt sich zumeist um
   nachgestellte Touren (z.B. „auf den Spuren von …“), die in einer komplett vermessenen und
   durchtechnisierten Welt keine äußere Funktion haben, sondern nur der subjektiven
   Grenzerfahrung dienen.

   Der Heimatverein steht für einen dritten Blick auf die Natur: Das Interesse an ökologischen und
   naturgeschichtlichen Zusammenhängen in der eigenen Umgebung, Wissen über bedrohte Tier-
   und Pflanzenarten und Veränderungen in der Naturlandschaft. Diese Haltung kann als
   Gegenbewegung zur Verunsicherung durch eine komplexe und globalisierte Welt betrachtet
   werden.

In einem weiteren Schritt können die Schüler/ innen reflektieren, welche Rolle die Natur für die Protagonisten/innen des Films THULETUVALU spielt. Sie leben in einem sehr engen Verhältnis zur Natur, sie beobachten sie sehr intensiv und nutzen sie. Das gilt für beide Schauplätze in gleicher Weise. Es zeigt sich einerseits eine Haltung des Respekts, aber andererseits auch die Bereitschaft, durch das Töten von Tieren für den eigenen Unterhalt zu sorgen. Anzeichen für eine emotionale Überhöhung, wie sie in den Textbeispielen zum Ausdruck kommt, sind bei den Protagonisten/ innen des Films kaum zu entdecken.

Arbeitsmaterial F 8 geht auf die filmische Dramaturgie von THULETUVALU ein. Sie ist von der parallelen Erzählung an zwei Schauplätzen geprägt. Dieser Wechsel wird überlagert vom inhaltlichen Fortgang der Filmerzählung, die sich dem Thema Klimawandel langsam nähert und es behutsam einkreist: Erst nach etwa zwanzig Minuten wird das Thema in den Film eingeführt; es werden zunächst die sichtbaren Auswirkungen von Naturveränderungen beschrieben, ein politischer Kontext hergestellt und schließlich der Blick in die Zukunft gerichtet.

Mit Blick auf die filmische Dramaturgie sind vor allem die Übergänge zwischen den beiden Schauplätzen interessant: Sie entscheiden mit darüber, auf welche Weise die Zuschauer/innen eine Verbindung zwischen beiden weit auseinander liegenden Welten herstellen. Am Beispiel eines solchen Übergangs können die Schüler/ innen darüber nachdenken, wie Zuschauer/ innen durch den Schnitt Geschehnisse interpretieren und Zusammenhänge herstellen.

   Sollte ein Dokumentarfilm „spannend“ sein?
   Sicher ist die Spannung nicht vergleichbar mit der eines Thrillers, aber es ist für einen
   Dokumentarfilm selbstverständlich wichtig, über die gesamte Dauer die Neugier und das Interesse
   der Zuschauer/innen aufrecht zu erhalten. THULETUVALU lässt sich viel Zeit, sein Thema zu
   entfalten. Der Film hält Antworten zurück und zeigt erst nach und nach, wie sehr die Folgen des
   Klimawandels das Leben in Tuvalu bereits beeinträchtigen. Einzelne Sequenzen wie der Besuch
   einer von Meerwasser überspülten Senke auf Nanumea oder der Jagdausflug auf dem labilen
   Eisuntergrund bilden in sich geschlossene Episoden mit einem eigenen Spannungsbogen.

Der Jäger Rasmus steht am flachen Uferwasser und wäscht ein Fell aus.
Der Fischer Patrick geht mit einem Netz in der Hand in das flache Uferwasser.