Filmische Dramaturgie

Der Film erzählt mit zwei Ausnahmen immer im Wechsel zwischen den beiden Schauplätzen Thule und Tuvalu. Dieses Arrangement deutet zunächst einmal nicht auf eine ausgesprochen spannende Dramaturgie hin – der Film verzichtet bewusst auf die Möglichkeit, den Zuschauer/innen zusätzliche visuelle Impulse zu geben. Wie gelingt es ihm trotzdem, über eine Zeitspanne von eineinhalb Stunden die Spannung aufrecht zu erhalten?

Im Folgenden finden Sie eine stark vereinfachte Darstellung der inhaltlichen Entwicklung innerhalb des Films. Die jeweiligen thematischen Schritte werden zumeist parallel an beiden Schauplätzen aufgegriffen; die Sequenzen in Kopenhagen (Weltklimakonferenz) und Neuseeland (ausgewanderte Familie) setzen das Geschehen in einen größeren Kontext.

1)  Annäherung an die Orte:  Rasmus (Thule) und Patrick (Tuvalu) bei alltäglichen Beschäftigungen,
      in OffTexten erzählen sie von ihrem Leben.

2)
  Einführung des Themas Klimawandel nach etwa 20 Minuten:  Aussagen der 
      Protagonisten/innen und Texteinblendung: „Spätestens seit den neunziger Jahren steigt der
      Meeresspiegel im Pazifik und in anderen Ozeanen stetig an.“ 

3)  Einordnung, Darstellung von konkreten Auswirkungen und Reaktionen:  Der Hauptteil des
      Films thematisiert die Veränderungen in der Natur und im Alltag von Tuvalu und Thule, wo die
      Jagd verspätet und unter schwierigen Bedingungen stattfindet. Eine Sequenz zur
      Weltklimakonferenz bringt eine politische Einordnung, eine weitere Sequenz aus Neuseeland
      zeigt, wie die Zukunftsperspektive der Tuvalesen aussehen könnte. In Tuvalu pflegt man
      weiterhin die kulturellen Bräuche und trotzt der zunehmenden Wasserknappheit; große Behälter
      werden angeliefert, das Trinkwasser wird rationiert.

4)  Leben unter veränderten Bedingungen, Perspektiven:  In Thule macht sich Rasmus
      angesichts der Geburt seines ersten Enkelkindes Gedanken über die Zukunft. Für ihn als Jäger
      wird es zunehmend schwierig, aber für die Fischerei gibt es eine Perspektive – große Mengen
      Heilbutt sind in der Bucht gesichtet worden. In Tuvalu versucht man mit neuen Baumsorten, die
      Meerwasser vertragen, gegen die Ufererosion anzugehen, aber die langfristigen Aussichten sind
      düster.

5)  Appell am Ende:  Die Folgen eines fortschreitenden Klimawandels werden beschrieben; die
     letzte Texteinblendung lautet: „Eine solche Entwicklung wäre laut UNO-Bericht mit raschen,
     drastischen Maßnahmen noch zu verhindern.“ 

Übergänge zwischen den Sequenzen

Die Übergänge zwischen Filmsequenzen spielen eine große Rolle, denn an diesen Nahtstellen kann der Film durch harte Schnitte oder weiche Übergänge Verbindendes und Trennendes hervorheben. In THULETUVALU sind diese Übergänge besonders interessant, da die Beziehung zwischen den Orten Thule und Tuvalu ein Hauptthema des Films ist. Häufig wird versucht, diese Beziehung visuell zu verdeutlichen. 

Stichwort Match Cut

Bei einem Match Cut werden unterschiedliche Schauplätze oder Situationen dadurch verbunden, dass Bewegungsabläufe, Bildmotive oder die räumliche Anordnung von einer Einstellung zur nächsten übernommen werden. So entsteht der Eindruck eines fließenden Verlaufs, einer Kontinuität des Geschehens. Match Cuts können so zu einem „unsichtbaren Schnitt“ beitragen, also einer Erzählweise, die Brüche verbergen und die Art und Weise der Filmgestaltung aus der Wahrnehmung der Zuschauer/innen heraushält. Match Cuts können aber auch so auffällig gestaltet werden, dass sie die Aufmerksamkeit auf sich ziehen (z.B. eine Tür bewegt sich durch einen Luftzug, und die nächste Einstellung beginnt damit, dass eine Tür an einem anderen Ort zuschlägt). Im Gegensatz zum Match Cut unterbricht der Jump Cut gezielt die Kontinuität von Bewegungen und Bildinhalten.

Beispiel für einen Sequenzübergang in THULETUVALU

Der Jäger Rasmus steht am flachen Uferwasser und wäscht ein Fell aus.
Der Fischer Patrick geht mit einem Netz in der Hand in das flache Uferwasser.

Die erste längere Sequenz aus Thule endet damit, dass der Jäger Rasmus im flachen Uferwasser steht, um ein Fell auszuwaschen. Die nächste Einstellung beginnt damit, dass der Fischer Patrick mit einem Netz in der Hand in das flache Uferwasser vor Nanumea hineingeht, um dort zu fischen.

Aufgaben

  • Lesen Sie den Text und tauschen Sie sich darüber aus, ob und in welcher Form Sie während der Filmbetrachtung wahrgenommen haben, wie die Filmerzählung angelegt ist.
  • Stellen Sie dar, ob und wie der Film einen Spannungsbogen entwickelt und diskutieren Sie, inwiefern ein Dokumentarfilm „spannend“ sein darf oder sollte.
  • Diskutieren Sie, wie sich die Kombination der beiden Schauplätze auf die filmische Gesamtaussage auswirkt. Deuten Sie den Filmtitel und seine Schreibweise.
  • Analysieren Sie die Wirkung des beispielhaft dargestellten Sequenzübergangs. Begründen Sie, ob die Bezeichnung Match Cut hier passend wäre oder nicht.