Der sogenannte Nord-Süd-Konflikt und der Klimawandel

Streitgespräch zwischen Al Gore und Piyush Goyal, indischer Energieminister (Auszug)

Noch vor den Klimaverhandlungen 2015 in Paris reist Al Gore nach Neu-Delhi, um sich mit dem indischen Energieminister zu treffen.

Männer sitzen um einen Tisch, Klimaverhandlung zwischen Al Gore und Piyush Royal

AL GORE: Wie Sie wissen bemühe ich mich leidenschaftlich darum, eine Lösung für die Klimakrise zu finden, die vierzig Jahre andauert. Weil ich mich intensiv mit den Problemen beschäftigt habe, hoffe ich, dass die USA und Indien gemeinsam daran arbeiten, den Übergang zu erneuerbaren Energien zu beschleunigen.

PIYUSH GOYAL: Indien hat die USA immer als wichtigen Partner betrachtet, aber leider leistet die westliche Welt, leisten die entwickelten Länder, keine nennenswerte Unterstützung und scheinen sogar Hindernisse aufzubauen. All diese Gespräche über den Klimawandel scheinen nur Gerede zu sein, aber es gibt kaum konkrete Handlungen.

AL GORE: In den USA?

PIYUSH GOYAL: Ja, von Seiten der USA.

AL GORE: Ich glaube, das ist nicht ganz fair, bei allem Respekt. Wenn man die Investitionen in neue Stromproduktionsanlagen betrachtet, so betrug der Anteil an Solar- und Windenergie in den USA im Jahr 2015 drei Viertel.

PIYUSH GOYAL: Darf ich darauf antworten?

AL GORE: Ja, bitte.

PIYUSH GOYAL: Ich werde dasselbe in 150 Jahren tun. Wenn ich meine Kohle verbraucht habe, wenn meine Bevölkerung Jobs hat, wenn ich eine Infrastruktur aufgebaut habe, Autobahnen und Straßen. Wenn ich die Technologie habe, wenn meine Bevölkerung pro Kopf 50.000 oder 70.000 Dollar im Jahr verdient und billige fossile Energie nutzt. Das ist der Weg, den die USA 150 Jahre lang gegangen sind. Es ist [für die USA] jetzt sehr einfach zu sagen: Oh, wir verzichten auf Kohle. Aber was ist mit der Vergangenheit? Ich frage nur nach den fossilen Brennstoffen, die die USA in 150 Jahren verbraucht haben.

AL GORE: Ich möchte Ihnen nicht das Recht absprechen, Ihre eigene Wahl bezüglich der Energienutzung zu treffen. Es ist selbstverständlich, dass Sie das Recht dazu haben. Aber was ich sagen möchte: Wann ist die Sonne hier heute aufgegangen? Ich kann sie nicht sehen. Ich sehe keinen blauen Himmel.

Quelle: Drehbuch AN INCONVENIENT SEQUEL, Teil 2, S. 61–62, Teil 3, S. 1–4. © Paramount 2017, Übersetzung: Burkhard Wetekam

Überraschungen nicht ausgeschlossen – die Rolle Indiens in der Klimapolitik

Indien galt mit Blick auf den Klimawandel lange Zeit als problematisches Land: Dort lebt etwa ein Sechstel der Weltbevölkerung (derzeit 1,3 Mrd. Menschen); der Pro-Kopf-Energie- Verbrauch ist zwar sehr niedrig, wird aber in den kommenden Jahren und Jahrzehnten stark wachsen. Bei der Energieversorgung setzt Indien bislang vor allem auf Kohle, da dieser Rohstoff im Land selbst reichlich vorhanden ist. Erdgas und Erdöl müssen größtenteils importiert werden, Solar- und Windenergie galten lange Zeit als zu teuer.

Seit dem Klimaabkommen von Paris hat sich aber einiges verändert: Auch Experten/innen sind überrascht, wie zügig in Indien inzwischen der Ausbau erneuerbarer Energien vorangeht. Die indische Regierung hat Ende 2016 einen nationalen Elektrizitätsplan vorgelegt, demzufolge im Jahr 2027 56,5 Prozent aller installierten Stromerzeugungskapazitäten auf nicht-fossilen Quellen beruhen könnten. Ein Grund dafür ist der deutlich gesunkene Preis für die Stromerzeugung aus Windkraft und Sonne. Zu den „nicht-fossilen“ Energieträgern gehören allerdings auch umstrittene Wasserkraftprojekte und ein geringer Anteil an Atomstrom (derzeit etwa drei Prozent). Indien wird die Zusagen, die es im Rahmen des Pariser Klimaabkommens gegeben hat, voraussichtlich übertreffen.

Die indische Regierung bemüht sich für Klimaschutzabgaben um Akzeptanz in der Bevölkerung, indem sie den Klimaschutz mit Werten der indischen Gesellschaft (z.B. die Lebenseinstellung in der Yoga-Tradition) und einer verbesserten Lebensqualität in Verbindung bringt. Dass Indien besonders stark von den Folgen des Klimawandels betroffen ist, könnte ebenfalls zu einer höheren Akzeptanz in der Bevölkerung führen.

Quellen: Indien macht ersten Schritt zu ambitioniertem Klimaschutz. Mitteilung von Germanwatch e.V. am 2.10.2015. https:// germanwatch.org/de/10969 (aufgerufen am 5.7.2017), Axel Harneit-Sievers: Indien – Nationale Politik und Globale Verpflichtungen. E-Paper, hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung, März 2017. www.boell.de/de/2017/04/19/indien-nationalepolitik- und-globale-verpflichtungen (aufgerufen am 27.7.2017), Marlene Weiß: China und Indien werden zu Klima-Pionieren. http://www.sueddeutsche.de/wissen/erneuerbare-energiechina-und-indien-werden-zu-klimapionieren-1.3470253 (aufgerufen am 5.7.2017)

Aufgaben

  • Benennt die Positionen von Al Gore und Piyush Goyal (Streitgespräch auf Seite 28).Wie bewertet ihr die Qualität der Argumente?
  • Stellt Überlegungen an, wie der Konfliktzwischen wohlhabenden und ärmeren Staatengelöst werden könnte – einige Ansätze werden auch im Film IMMER NOCH EINE UNBEQUEMEWAHRHEIT: UNSERE ZEIT LÄUFT thematisiert.
  • Lest den Text „Überraschungen nicht ausgeschlossen– die Rolle Indiens in der Klimapolitik“. Welche Faktoren tragen dazu bei, dass Indien seine Klimaschutzbemühungen vorantreibt?